Kunststoff, Kältetechnik und Kalahari

Dies ist das zweite Exklusiv-Interview für die neu gestaltete App der K-Zeitung, das in dieser Ausgabe mit Helmut Gries, Geschäftsführer (CCO) der gwk Gesellschaft Wärme Kältetechnik mbH in Kierspe, geführt wurde. Der Manager einer der bedeutendsten Peripheriegerätehersteller in der deutschen Kunststoffindustrie sprach mit dem Chefredakteur der K-Medien dazu am Rande der kürzlich zu Ende gegangenen Interplastica in Moskau und analysiert, wie die Produkte des Unternehmens gwk die Produktivität bei der Kunststoffverarbeitung wesentlich erhöhen und die Kosten entscheidend reduzieren können.

 

K-Medien: Herr Gries, offensichtlich stehen die Chancen für die, global betrachtet, weitere Entwicklung der Kunststoffindustrie gut. Die weltweite Nachfrage nach Kunststoffprodukten steigt, wichtige Anwendungsmärkte wie Automotive, Verpackung,

E+E, Bau und Medizintechnik geben Anlass zur Hoffnung. Haben Sie auch diesen Eindruck?

 

Helmut Gries: Ja, ich teile diese Einschätzung, da es Wachstumschancen in recht vielen Branchen gibt. Neue Materialien, neue Materialkombinationen, aber auch weiter entwickelte Verarbeitungssysteme, zum Beispiel Kombinationen zwischen Spritzguss und Extrusion oder Spritzguss und Blasformen etc. ermöglichen eine wirtschaftliche Fertigung von Bauteilen auf einem Niveau, das früher noch nicht existiert hat. Darüber hinaus schreitet die Substitution von herkömmlichen Werkstoffen fort, wodurch neue Anwendungen erschlossen werden können.

Zudem wächst der Markt für Verpackungen stets weiter, vor allem in den Schwellenländern, was mit dem dort veränderten Konsumverhalten infolge höherer Ansprüche der dort lebenden Menschen zu tun hat. Und natürlich kommen Trends wie zum Beispiel Leichtbau hinzu, die auch in angestammten Märkten wie dem Automobilbau und dem Bauwesen für neues Wachstum sorgen.

Wenn wir das Wachstum unseres eigenen Unternehmens über die Jahre sehen, können wir feststellen, dass der Erlösanteil im Kunststoffbereich nie geringer geworden ist, obwohl wir auch in anderen Branchen, wie in der Metall- und der Chemieindustrie oder auch in der Lebensmittelverarbeitung unterwegs sind. Der kunststoffbedingte Erlösanteil liegt seit Jahren jeweils bei rund 80 Prozent.

 

K-Medien: Welche wirtschaftlichen und technologischen Entwicklungen spielen für Sie als bedeutender Peripheriegerätehersteller die entscheidende Rolle?

 

Gries: Der von mir bereits angesprochene Leichtbau ist sehr für die weitere positive Entwicklung und für unser Unternehmen entscheidend. Hierbei geht es vor allem um die wirtschaftliche Fertigung von faserverstärkten Bauteilen mit qualitativ hochwertigen Oberflächen, aber auch um geschäumte Bauteile. Ein Beispiel ist die Anwendung, die Krauss Maffei hier auf der Interplastica zeigt, und an der wir auch beteiligt sind – um eine Blende mit Hochglanz-A-Oberfläche für den Weiße-Ware-Bereich – bindenaht- und einfallstellenfrei. Dabei spielt die Temperierung eine ganz große Rolle.

Ferner sind Innovationen in der optischen Industrie wichtig, im Besonderen die LED-Technologie. Dies gilt nicht nur für den Automobilbereich, sondern auch für optische Analyseanwendungen in der Medizintechnik. Zum Beispiel geht es hier um die saubere und kostengünstig schnelle Fertigung komplexer Geometrien dickwandiger Linsen sowie um die Herstellung funktionaler Oberflächen in der Medizintechnik.

In diesen Schlüsselanwendungen spielt die Werkzeugtemperierung eine wesentliche Rolle.

 

K-Medien: Produktions- und Energieeffizienz – sparsamer Einsatz bei Ressourcen, Material und Energie – stehen bei der Innovation von Kunststoffmaschinen weiterhin ganz oben auf der Agenda. Wie können Sie als Peripheriegerätehersteller mit Ihren Produkten das Ziel, jeweils noch effizienter zu produzieren, unterstützen?

 

Gries: Gerade bei Kühlanlagen ist das Thema Energieeffizienz bei der Herstellung von kaltem Prozesswasser und die Nutzung der entstandenen Abwärme für Heizzwecke ein ganz wichtiges Thema. Und im Bereich des thermischen Managements eines Prozesses liegt einer der großen Schlüssel für die möglichst vollständige Ausschöpfung der Energieeffizienzpotenziale. Das beginnt mit einer thermischen Werkzeugauslegung, die wir unseren Kunden anbieten, und der Lieferung von Werkzeugeinsätzen mit konturfolgenden, kavitätsnah angeordneten Temperierkanälen, um die Wärmeübertragung im formgebenden Werkzeug zu verbessern. Ein Prozess kann ja nur dann effizient sein, wenn der Wärmeaustauscher, der daran beteiligt ist, möglichst effizient gebaut wurde.

Ein zweiter Punkt ist die Anpassung der Leistungsaufnahme der elektrischen Verbraucher in unseren Systemen. Das sind Ventile und Steuerungen, im wesentlichen aber Pumpen, Kompressoren und Lüfter, die den Anforderungen des Prozesses angepasst werden müssen. Es ist heute absolut Standard, dass Motoren bei Kühlanlagen hohe Energieeffizienzklassen haben. Die Temperierung spielt außerdem eine große Rolle, wenn es darum geht, Ausschuss zu minimieren, also eine hohe Reproduzierbarkeit für hochwertige Formteile zu garantieren. Hier müssen beispielsweise lokale Überhitzungen, also Hotspots, im Spritzguss vermieden werden, denn diese beeinflussen über die Kühlzeit die gesamte Zykluszeit und damit die Produktivitätsbilanz einer Fertigungszelle. Daran hängt die Spritzgießmaschine mit der gesamten Peripherie.

Und nicht zuletzt ein eigentlich banales Thema: das Wasser im Produktionsprozess. Als Wärmeträger wird ja meistens Wasser eingesetzt. Wasser ist jedoch nicht nur ein guter Wärmeträger, sondern auch ein sehr gutes Lösungsmittel. Alle Verschmutzungen lösen sich im Wasser und bleiben dort enthalten, scheiden dann jedoch als Feststoff bei Temperaturen ab 40 Grad Celsius wieder aus. Dadurch bilden sich wärmeübergangshemmende Schichten, die die Werkzeugwandtemperatur erhöhen und die Kühlzeit erheblich verlängern. Dies führt letztlich in vielen Betrieben dazu (weil das Thema leider nicht selten stiefmütterlich behandelt wird), dass Teile bei weitem nicht so wirtschaftlich hergestellt werden, wie es sein könnte. Zur Optimierung dieser Situation können wir als gwk einen großen Beitrag leisten. Grundsätzlich ist festzustellen, dass das Thema Energieeffizienz und Produktivitätssteigerung von zwei Seiten betrachtet werden muss: Erstens muss der Wärmeträger sauber gehalten werden und zweitens muss der Wärmeaustauscher effizient ausgelegt sein.

 

K-Medien: Gibt es physikalische Grenzen bei der Effizienzsteigerung in der Peripherie?

 

Gries: Natürlich gibt es physikalische Grenzen. Da sind einmal die Gesetze der Thermodynamik, übrigens nicht unbedingt das Lieblingsfach der Ingenieure. Deshalb sollte man in diesem Bereich immer auch die Beratung von Fachleuten in Anspruch nehmen. Und zum anderen limitiert selbstverständlich die Chemie der Kunststoffe. Kunststoffe sind nun einmal keine guten Wärmeleiter, sondern Isolatoren. Ich kann im Werkzeug optimieren, ich kann die Turbulenz der Strömung erhöhen etc. Der limitierende Faktor aber wird immer der Wärmeübertragungskoeffizient des Kunststoffes sein, der in der Größe eines Isolationsmittels liegt.

Darüber hinaus spielt die Wanddicke des Formteils eine entscheidende Rolle, weil die Kühlzeit ja quadratisch in die Wanddicke eingeht. Bei Verdopplung der Wanddicke vervierfacht sich die nötige Kühlzeit. Hier ist es deshalb von Anfang an wichtig, dass Konstrukteure, Werkzeugbauer und Verarbeiter gemeinsam am Tisch sitzen, um ein möglichst optimales Ergebnis zu erzielen. Daher ist das Thema Dünnwandspritzguss in aller Munde, denn wenn es gelingt, die Wanddicke zu halbieren, muss ich lediglich noch ein Viertel der Kühlzeit im Prozess kalkulieren.

 

K-Medien: Effizienz in der Produktion spielt auch in einem Land, in dem ein Liter Benzin weniger als die Hälfte des Durchschnittspreises in der Europäischen Union kostet, offensichtlich eine immer größere Rolle. Das ist jedenfalls hier auf der Interplastica zu hören. Können Sie dies bestätigen – als Unternehmer, der sehr viel Erfahrung auf dem russischen Markt hat?

 

 

Gries: Russland steht mit Gewissheit an der Schwelle zu einem Prozess, bei dem Energieeffizienz eine immer bedeutendere Rolle spielt. Unser Unternehmen ist in diesem Themenbereich und in der Argumentation gegenüber unseren russischen Kunden schon seit Jahrzehnten unterwegs. Wir haben in Russland ja im Durchschnitt niedrigere Jahrestemperaturen. Dadurch ist das Potenzial bei der so genannten Winterentlastung bei Kälteanlagen größer als beispielsweise in Deutschland. Man kann durch eine entsprechende Auslegung der Anlagen deshalb sehr viel an Stromkosten sparen – ein Umstand, der übrigens schon seit Jahren im Fokus der Verarbeiter liegt, besonders bei Verarbeitern, die hohe Kühlleistungen benötigen, also vor allen Dingen in der Extrusionsbranche mit sehr hohem Materialdurchsatz und demzufolge auch hoher Kühlleistung. Hierbei rechnen sich die Zusatzkosten für energiesparende Komponenten sehr schnell. Deshalb sprechen wir auch heute in Russland weniger über die Investitions-, sondern mehr über die Betriebskosten.

Und was bei allem auch nicht übersehen werden darf, ist der Einfluss internationaler Konzerne, gerade im Automobilzulieferbereich, die in Russland mittlerweile auch ihre Niederlassungen haben und schlichtweg die energieeffiziente westeuropäische Technologie auch für ihre Werke in Russland voraussetzen. Kurzum: Auch in Russland drücken die Kosten immer stärker.

 

K-Medien: Woher stammt eigentlich Ihre reichhaltige Erfahrung mit Russland. Haben Sie einen besonderen Zugang zur berühmten russischen Seele?

 

Gries: Ich habe 1974 mein Abitur gemacht. In Westdeutschland, wo die Lehre der russischen Sprache damals nicht sehr verbreitet war. Ich hatte in meinem neusprachlichen Gymasium über eine ukrainische Lehrerin die Chance, in einer kleinen Klasse die Sprache zu lernen. Das hat mir nach Englisch und Latein großen Spaß gemacht - im Gegensatz zu Französisch, das mir nicht so lag.

Wer die russische Sprache gut lernen will, muss in die russische Kultur eintauchen, und unsere ukrainische Lehrerin hat in dieser Hinsicht sehr interessante Unterrichtsstunden angeboten. Wir haben beispielsweise Dostojewski und Gogol im Original gelesen. Darüber hinaus hat sie die Prawda besorgt, zu dieser Zeit die offizielle Parteizeitung der KPdSU. Zusammengefasst war das also ein Unterricht, über den man recht intensiv in Berührung mit der russischen Kultur und Mentalität kam und insofern auch mit der russischen Seele, da sich diese ja in der Sprache wiederfindet. Ich glaube darüber hinaus, dass wir in Deutschland eine sehr hohe Affinität zu Russland und zur Seele dieser hier lebenden Menschen haben, da wir als Deutsche ja auch tiefgründiger sind.

Nach meinen Sprachstudien habe ich auch relativ früh damit begonnen, nach Russland zu reisen und so war ich 1985 zum ersten Mal in Russland, damals noch für die Firma Battenfeld. Ich habe hierzulande Messen besucht und die Aktivitäten des Kunststoffzentrums in Leipzig begleitet, als das Kunststoffzentrum in Moskau gegründet wurde und hatte dort den Vorsitz der Trägergemeinschaft. In diesem Rahmen bin ich viel in Russland unterwegs gewesen. So hat sich mein Engagement für den russischen Markt, an dem mir auch persönlich viel liegt, über die Jahre entwickelt.

Was für das Geschäft in Russland wichtig ist: Man muss nicht nur die Mentalität der Menschen verstehen, sondern auch berücksichtigen, dass sich politische und wirtschaftliche Gegebenheiten sehr schnell verändern können. Denken Sie nur an die zum Teil hochdramatische politische Entwicklung seit 1985 hier im Land!

Darüber hinaus sind russische Kunden sehr treue Kunden, die an den Wert von Langzeitbeziehungen glauben. Deshalb muss man hier auch in schwierigen Zeiten vor Ort sein, selbst dann, wenn längere Zeit einmal kein Geschäft stattfindet. Das haben wir als gwk gemacht, und ich glaube, das macht sich heute auch bezahlt. Aktuell sehe ich das wieder an den vielen Stammkunden, die uns auch bei dieser Interplastica auf unserem Messestand besucht haben und besuchen.

 

K-Medien: Herr Gries,Sie sind bekannt als Globetrotter – über Ihre Aufgaben im professionellen Management für das Unternehmen gwk hinaus. Wo auf der Welt fühlen Sie sich am wohlsten?

 

Gries: Ich reise seit nunmehr 30 Jahren für die Kunststoffbranche rund um den Globus und habe viele Länder, Menschen und deren Kulturen kennen, verstehen und schätzen gelernt. Der Kontakt mit Menschen unterschiedlicher Kulturkreise hat mich immer interessiert und ich reise auch heute noch gerne, um meinen Horizont ständig zu erweitern.  Trotzdem, oder vielleicht gerade deshalb glaube ich, dass die Antwort nicht überrascht, dass ich mich letztendlich zu Hause am wohlsten fühle. Aber auf dem Globus gibt es darüber hinaus eine Region, in der ich mich besonders wohl fühle: das sind die Wüsten und Savannen im südlichen Afrika. Vorrangig ist das dem Umstand geschuldet, dass ich mit meiner Frau, die ebenfalls beruflich stark engagiert ist, kaum einmal einen Urlaub machen kann, der länger als zwei Wochen dauert. Deshalb ist es wichtig, dass sich manchmal die Gelegenheit zwischen den beruflichen Verpflichtungen ergibt, ein Ziel anzusteuern, wo man schnell auf andere Gedanken kommt und wirklich abschalten kann. Dieses Ziel ist für mich persönlich Namibia. Hier bin ich weit weg von der Kunststoffindustrie und in den abgelegenen Teilen des Landes, in die ich gerne reise, funktioniert in aller Regel auch das Handy nicht. Im wahrsten Sinne des Wortes kann man hier also ,abschalten‘. Dabei bringt ein Aufenthalt in dieser Region auch mit sich, dass man schnell mit den Füßen wieder auf den Boden kommt, wenn man beispielsweise mit Buschmännern durch die Kalahari streift, mit Maultieren durch den Fish-River-Canyon an der Grenze zwischen Namibia und Südafrika wandert oder Löwen- und Nashornschützer bei ihrer Arbeit begleitet. Dann wird der Kopf sehr schnell frei und viele hausgemachte Probleme reduzieren sich sehr schnell auf das Wesentliche.

 

K-Medien: Ihre liebste Freizeitbeschäftigung ist offensichtlich die Fotografie. Wie sind Sie zu diesem – ich weiß nicht, ob man es noch „Hobby“ nennen kann – gekommen?

 

Gries: DieFotografie bedeutet für mich mehr als ein Hobby. Ich bin der Meinung, wenn man sich so intensiv in seinem Beruf engagiert und erfolgreich sein will, darf man seinen Horizont nicht komplett verengen und sich nur noch mit der Branche und ihren spezifischen Themen befassen. Man braucht eine zweite Tätigkeit, die über ein Hobby hinausgehen sollte und die man mit ähnlicher Leidenschaft und mit vergleichbarem Ehrgeiz betreiben sollte. Für manchen ist das die Musik, das Spielen eines Instruments, für andere Sport – für mich ist das die Fotografie. Wahrscheinlich ist sie zu meiner zweiten Leidenschaft geworden, weil man sie hervorragend mit dem Reisen verbinden kann und weil es natürlich gerade in Afrika viele interessante Motive gibt, die man in der jeweils kurzen Zeit des Aufenthalts vor das Objektiv bekommt. Zum anderen ergibt sich aus der Vermarktung der in Afrika entstandenen Fotografien – ich habe zwei Bildbände über Namibia und mehrere Audivisionsshows gemacht und darüber hinaus immer wieder auch Fotostrecken für diverse Reisemagazine –, dass sich die Urlaubszeit nachträglich verlängert. Und das ist doch ein sehr schöner zusätzlicher Effekt!

 

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